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Zur Psychologie des Findens und Verknüpfens
Interaktive Einleitung des Kongresses
Fachkongress »Suchen und Finden im Internet« am 1.2.2006 in München - veranstaltet vom Münchner Kreis
von Klaus C. Marwitz
Guten Morgen. In meinem Textvorspann, der Ihnen vorliegt, habe ich formuliert, dass Suchmaschinen wie Google, Yahoo oder MSN Search als Repräsentanten des Internet zu verstehen sind. Diese Repräsentanten erbringen Dienstleistungen in Servicemanier, allerdings, das muss aus der Sicht eines Benutzers gesagt sein, immer seltener zu unserer Zufriedenheit, zur Zufriedenheit der Benutzer. Wieso? Die Mechanik funktioniert folgendermaßen: Auf die Äußerung eines Suchwunsches hin setzen sich Suchmaschinen in Bewegung und kehren nach kurzer Zeit mit großen Mengen von Informationen zurück, die sie als Antworten ausgeben. Aber sind das wirklich die Antworten, die Sie als Benutzer gewollt haben? Sind das die Antworten, die Sie benötigen? Dann geht es weiter: um den Antwortenberg zu verkleinern oder abzutragen, muss der Benutzer an seiner Frage herumbasteln bis die Informationsmenge für ihn handhabbar geworden ist. Suchen muss er dann aber immer noch.
Diese Form des Servicegedankens bei Suchmaschinen - Du hast einen Wunsch, und ich erfülle ihn - ist inzwischen aber nicht mehr “State of the Art“. Bei der Zukunft von Suchmaschinendiensten rückt immer stärker das “Stewardship-Modell“ in den Vordergrund. Stellen Sie sich ein Traumschiff vor und einen Steward auf einem Traumschiff. Dieser Steward erfüllt nicht nur den Wunsch des Gastes, sondern er erkennt auch den individuellen Hintergrund dieses Wunsches, weil er sich zusätzlich Informationen über den Gast eingeholt hat. Diesen Hintergrund bezieht er beim Erfüllen des Auftrags mit ein. „Wie schön, dass Sie daran gedacht haben“, freut sich der Gast. An diesem Modell werden sich zukünftige Suchmaschinen ausrichten müssen.
Und diesen Hintergrund, dieses „zwischen den Zeilen“ schauen wir uns gleich etwas näher an, denn, ob wir mit den Ergebnissen einer Suchmaschine etwas anfangen können, hängt von den Präferenzen ab, mit denen wir Informationen verarbeiten. Um Ihnen zu verdeutlichen, welche Präferenzen Sie benutzen, habe ich ein kurzes Frage- und Antwortspiel vorbereitet und bitte, einfach mitzumachen.
Ich stelle Ihnen einige Fragen. Schauen Sie sich an, zu welcher Antwort Sie tendieren, zu 1a, 1b oder 1c.
(Abb. 1)
Entschließen Sie sich spontan. Die nächste Frage ist die Frage nach den Beziehungen zwischen den drei Rechtecken.
(Abb. 2)
Sind sie zum größten Teil gleich, und es gibt auch ein paar Unterschiede? Oder sind sie zum größten Teil verschieden, und es gibt auch ein par Ähnlichkeiten? Entscheiden Sie sich bitte. Kleiner Tipp: Schalten Sie die Logik aus! Drittens: Wie oft oder wie lange muss Ihnen jemand seine Kompetenz beweisen, bevor Sie davon überzeugt sind?
(Abb. 3)
3a: einmal oder mehrere Male oder 3b: über einen gewissen Zeitraum? Als kleine Hilfe: vielleicht einige Tage oder Wochen. Sie haben sich entschieden?
Das war der erste interaktive Teil. Am Ende meines Beitrags werde ich dazu ein paar Kommentare dazu abgeben.
Die Grundlage jeder Art von Informationsaufnahme und -verarbeitung ist das menschliche Lernen. Deshalb kommt dem Verständnis Ihrer eigenen Lernstrategien eine herausragende Rolle zu, wenn Sie erfolgreich mit Suchmaschinen interagieren wollen. Noch einmal: Die Art, wie Sie neue Informationen verarbeiten und sie mit bereits vorhandenen verknüpfen, beeinflusst ihre Arbeit mit Suchmaschinen. Die Suchmaschinen kennen aber Ihre Art nicht, und zur Sicherheit schütten sie Sie erst einmal mit allen irgendwie passenden Informationen zu.
Anhand einiger Bilder zur Entwicklung des menschlichen Lernens zeige ich Ihnen die Wandlung von der unpersönlichen Informationsmassenbeförderung, die auch das Wort „vergessen“ in die Welt brachte, hin zu höchst qualifiziertem Lernverhalten. Hier geht es nicht so sehr um die Menge der Informationsaufnahme im Sinne von mehr desselben, um es vielleicht auch draußen, zum Beispiel bei Jauch, vorzuzeigen, sondern um die Qualifizierung der persönlichen Kompetenzen, um mittel- und langfristige Ziele erreichen zu können. Wenn Sie in der Lage sind, Ihre Ziele zu erkennen und zu formulieren, sind die Suchmaschinen dazu da, Ihnen zu helfen, Ihre Ziele zu erreichen.
Eine kleine Geschichte des Lernens:
Auf dieser einfachen Grafik bedeutet die linke Seite (mit dem stilisierten Gehirn) das Innere des Menschen, die rechte Seite die Außenwelt, also intrapersonal und extrapersonal und hier unten haben wir die »Lernöffnung«, was immer das bedeuten mag.
(Abb. 4)
Das ist der Ort, an dem Informationen von außen nach innen oder auch von innen nach außen transportiert werden können. Es geht darum, dass der Lernstoff außen liegt – das Lernen ist meist an eine Institution gebunden und gelernt wird, was gelehrt wird.
(Abb. 5) (Abb. 6)
Es wird oft gegen Widerstände eingetrichtert. Es wird gebüffelt, und Lernen wird manchmal, oder war es nur früher so?, als schwere Arbeit empfunden. Und es wurde etwas von außen nach innen transportiert. Aber es wurde auch vergessen, und dann befindet sich der Lernstoff wieder extrapersonal.
(Abb. 7)
In der Geschichte des Lernens geht es dann weiter. Frederick Vester schlägt vor, dass der Lernstoff in einer besonderen Weise strukturiert werden muss, damit er von den sehr unterschiedlichen Lerntypen besser rezipiert werden kann.
(Abb.8)
Er unterteilte den Lernstoff in auditiv, kinästhetisch und visuell, einfach auch um Widerstände bei der Aufnahme zu umgehen und das Lehren und Lernen zu erleichtern, das immer noch als eine schwere Aufgabe empfunden wurde. Der Wirkungsgrad hatte sich dadurch allerdings nur unwesentlich erhöht. Es kam danach das so genannte Superlearning, die Suggestopädie, das Lernen im entspannten Zustand.
(Abb. 9)
Wie Sie sehen, wird die Lernöffnung im entspannten Zustand vergrößert und besondere Musik, z.B. Barockmusik, hält diesen Zustand. Das bedeutet, dass durch die so vergrößerte Lernöffnung außerordentlich große Stoffmengen von außen nach innen transportiert werden konnten, große Mengen pro Zeiteinheit. Wie Sie aber auch auf den Grafiken gesehen haben, häuft sich der Stoff innen lediglich auf.
Bis hierhin wird mit mehr oder weniger strukturierten Massen von Informationen hantiert. Wenn die Aufnahmekapazität des Menschen es nicht hergibt, bleiben eben große Mengen von Informationen draußen. Diese Menschen sprechen dann von einer Informationsflut, die sie überspülen, überrollen könnte. Sie fürchten sich davor. Genau dieses Phänomen kennen Sie, wenn Sie googeln und von einer unverhältnismäßig großen Zahl von Treffern eingedeckt oder auch erschlagen werden – Informationsflut eben. Um sich wieder besser zu fühlen, werden Reduktionsmaßnahmen etabliert; gerade aktuell: das Ranking, um die Menge zu verkleinern. Sie Suchmaschine Otto-Such hat als Kontrast das Zufallsprinzip ausgewählt: nicht mehr das Ranking steht im Vordergrund, sondern die Treffer werden nach Zufall ausgesucht, um die Masse zu verkleinern.
Hier noch einmal die Informationsflut.
(Abb. 10)
Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass bis hier das Augenmerk auf dem Lernstoff als Informationsmasse und auf dem Bemühen lag, diesen Stoff einzutrichtern. Suchmaschinen sind typische Eintrichterer. Aber diese Strategie funktioniert nicht mehr reibungslos. Es sind einfach zu viele Informationen, die eingetrichtert und eingegliedert werden sollen. Hier muss sich Entscheidendes ändern. Verschiedene wissenschaftliche Ansätze zeigen, dass für das erfolgreiche Lernen und auch das Benutzen von Suchmaschinen Methoden geeignet sind, die in den letzten Jahren in anderen Bereichen an Bedeutung zugenommen haben.
Schauen wir uns einmal an, wie die Entwicklung des Lernens weitergegangen ist.
(Abb. 11)
Das neurolinguistische Programmieren zum Beispiel machte die intrinsische, die von innen kommende, Motivation erlernbar. Das NLP, wie es auch kurz genannt wird, hat neuartige Zielfindungs- und Zielerreichungsmodelle entwickelt und macht dadurch den Sinn des Lernens und damit das sinnvolle Benutzen von Suchmaschinen auch bewusster.
Das Mind-Mapping, das sich danach am Horizont zeigte, ist eine Kulturtechnik, die das sprachliche mit dem bildhaften Denken verbindet.
(Abb. 12)
Hier haben wir eine Grafik eines Mind-Maps eingebunden. Das Mind-Map-Denkmodell ermöglicht das assoziative Fragen und ist damit prädestiniert für das Benutzen beim Auswerten, Verstehen, Aufbereiten und Verknüpfen von Suchmaschinentreffern.
Der Mensch ist nun nicht mehr durchweg ein belehrter, sondern ein lernender Mensch, der Fragen zu seinen Problemen und Zielen stellt, auf die er dann aber keine zeitraubenden und nervtötenden Masseninformationen erwartet, sondern speziell auf ihn zugeschnittene Problemlösungsvorschläge oder konstruktive Bausteine seiner Zielebauwerke.
Aus der Kommunikationsforschung ist bekannt, dass im nichtsprachlichen Anteil der menschlichen Kommunikation, das ganze Universum der Persönlichkeit mitschwingt. Und über das Gelingen eines Kommunikationsaktes zwischen Partnern entscheidet, ob die Universen der Kommunikationspartner zusammenpassen, ob sie miteinander harmonieren. Die Parameter des persönlichen Universums sind inzwischen erforscht und damit bekannt. Es ist eine überschaubare Anzahl, allerdings mit unendlich vielen Verknüpfungsmöglichkeiten. Also, die Suchmaschine als Herr über das Universum Internet darf nun nicht mehr nur den verbalen Teil der Frage als Auftrag auffassen, sondern zusätzlich, wie der schon genannte Steward die anderen Parameter, die nonverbalen Parameter ebenfalls, um die Suche einzugrenzen oder eventuell in eine andere Richtung zu bringen.
Was aber sind die Parameter der Persönlichkeit des Fragenden? Woraus besteht der persönliche Sucher-Fingerabdruck? Ist die Suchmaschine in der Lage, diesen Fingerabdruck zu erkennen? Die Antwort lautet: noch nicht.
Ich habe unter den immerhin mehrere Dutzend umfassenden Katalog an Charakteristika drei ausgewählt.
(Abb. 14)
Wir sind jetzt bei der Kunst des Antwortens, und zwar bei den Antworten visueller Menschen. Antworten, die visuelle Menschen erwarten, sollten plakativ sein, übersichtlich, stichwortartig, farbig, beweglich. Ich belasse es jetzt einfach mal bei diesen wenigen Nennungen.
Auditive Menschen, d.h. die Menschen, die ihren Hauptinformationskanal im auditiven Sinnesbereich haben, möchten gern als Antwort einen ganzen Text in wohl gebauten Sätzen haben, die auch gut klingen, wenn man sie vorläse oder gleich vorgelesenen Text, eben etwas Auditives.
Und die Kinästheten, die Gefühlsmenschen erwarten in den Antworten Nachvollziehbares, etwas, das deutlich zum Handeln auffordert bzw. eben praktische Fälle enthält.
Es gibt natürlich Mischformen, das ist völlig klar. Bleiben wir bei den Hauptpräferenzen.
(Abb. 15)
Dann gibt es die Präferenz, nach Gleichheit oder Ungleichheit sortieren. Es gibt Menschen, die beim Informationssammeln kumulieren, also immer mehr desselben oder stark Ähnliches suchen. Und es gibt andere Menschen, die beim Informationssammeln eher differenzieren, also auf die Abweichungen und die Alternativen aus sind und darauf ansprechen. Diese langweilen sich, wenn immer dasselbe kommt oder wenn die Sachen zu ähnlich sind und davon noch ein großer Berg.
(Abb. 16)
An der dritten Stelle liegen Umfang und Körnung einer Antwort. Gut ein Viertel bis ein Drittel der Menschheit besteht aus so genannten Anzahltypen. Diese Menschen suchen mehrere kurze oder kleine Informationen. Sie stehen auf Einzelargumente und nicht auf großartig langen Erklärungen, mehreres und Kleines also.
Und es gibt die Dauertypen: diese Menschen suchen eine Erklärung, eine ausführliche große Information. Es nervt sie fürchterlich, wenn sie mit mehreren kleinen Sachen behelligt werden. Diese große ausführliche Information kann einen gewissen Umfang oder eine gewisse Dauer haben. Das Interessante an diesem Metaprogramm Umfang und Körnung, dass im ersten Fall bei den Anzahltypen, die Anzahl der Argumente, die ein Mensch erwartet und die er selbst übrigens benutzt, wenn er andere überzeugen möchte, konstant ist. Man kann es z.B. daran erkennen, dass Menschen beim Aufzählen 1. und 2. und 3. sagen und dann aufhören. Bei anderer Gelegenheit taucht es dann wieder auf, dass sie drei Alternativen suchen und dann erst entscheiden. Während es bei den Dauertypen so ist, dass tatsächlich ein gewisser Zeitumfang für jede Erklärung vorgesehen werden muss, was sich eben auch in der Länge eines Textes niederschlägt.
Die Antworten auf meine Fragen vom Anfang meines Beitrages bedeuten: so frage ICH und in dieser Form erwarte ICH die Antworten einer Suchmaschine zurück, und zwar a) in meinem spezifischen Sinnesystem und in meiner Vergleichsstrategie nach Gleichheit und Ungleichheit und in der Art, die mich als Dauer- oder Anzahltyp würdigt. Wohlgemerkt, das sind jetzt nur drei Kriterien, die ich einfach herausgegriffen habe, weil sie vielleicht am publikumswirksamsten sind. Wir werden sehen, wie sich das dann in Ihren Antworten zeigt.
Wenn dieses Muster getroffen wird, werden Zufriedenheitsemotionen in mir ausgelöst. Nur diese Antworten, die in einem solchen Muster kommen, werden sich erfolgreich mit meinen Vorerfahrungen, meinem Vorwissen usw. zu einem bestimmten Thema verknüpfen und so meine Kernkompetenzen, das Persönlichste, was ich habe, erweitern. Kurz: diese Informationen werden wir nützen.
Ich komme auf die Muster:
(Abb. 17) (Abb. 18)
Die Menschen mit dem Muster A werden sich untereinander gut verstehen, desgleichen diejenigen mit dem Muster B, untereinander wohlgemerkt, während A und B sich nicht durchweg auf gleicher Wellenlänge fühlen.
Für eine Suchmaschine bedeutet das: sie muss den Benutzer in derselben Gruppe ansprechen - beide A. Und nicht der Frager oder Nutzer in A und die Suchmaschine kommt in B-Manier daher oder in irgendeinem anderen Muster - oder gleich als Informationsflut.
Der Suchmaschinen-Benutzer verlangt von der Suchmaschine die Kunst des Antwortens, dann und nur dann muss er nicht mehr mit einem Haufen Informationen vor der Tür kämpfen.
(Abb. 19)
Der Suchmaschinen-Betreiber muss lernen, die Frage des Benutzers in Stewardship-Manier zu entschlüsseln, um vorzugsweise muster-identische Antworten zu präsentieren.
Bedenken Sie auch hier: Schlüssel und Schloss öffnen, wenn sie zusammenpassen, Tür und Tor.


© 2/2006 Klaus C. Marwitz

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