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Wie Menschen Informationen finden
Panel nach der Einleitung des Kongresses
Fachkongress »Suchen und Finden im Internet« am 1.2.2006 in München - veranstaltet vom Münchner Kreis
Moderation Stefan Holtel
Herr Holtel:
Nach diesem vielleicht etwas herausforderndem Einstieg in eine Thematik, von der Sie vielleicht etwas ganz anderes erwartet haben, geht es jetzt noch ein bisschen weiter in der Richtung. Wir wollen dieses Thema: Was bedeutet eigentlich der Benutzer innerhalb der Suchmaschinen, noch einmal aus anderen Richtungen genauer beleuchten. Als erste möchte ich Frau Nadine Schmidt-Mänz von der Uni Karlsruhe begrüßen. Sie hat eine umfangreiche Studie erforscht mit der Fragestellung, wie Benutzer mit Suchmaschinen umgehen und was das Verhalten von Suchmaschinenbenutzern ausmacht – sozusagen der statistische Kontrapunkt zu dem, was gerade Herr Marwitz gemacht hat. Es geht also um den Gegenpart zu dem, was wir gerade qualitativ gehört haben aus den neuesten Ergebnissen der Psychologie, des Verständnisses von, wie Menschen arbeiten, wie kann man das eigentlich statistisch untermauern. Ich möchte Sie bitten, einfach das Wort zu ergreifen.

Vortrag Frau Schmidt-Mänz

Herr Holtel:
Ich danke Frau Nadine Schmidt-Mänz. Sie merken, dass das jetzt das Kontrastprogramm zum ersten Vortrag war. Um den Kreis zu schließen, bitte ich Herrn Oliver Gerstheimer ans Pult. Er hat sich noch einen anderen Zugang über legt hat, wie man über das Thema Suchmaschinen, was Benutzer damit machen, einen Zugang finden kann. Sie kennen vielleicht den Spruch, dass man von den meisten Dingen nie etwas zu wissen braucht. Möglicherweise wird er darauf eingehen. Auf jeden Fall wird es interessant werden. Herr Gerstheimer beschäftigt sich mit Methoden, Verfahren, Struktur der Entwicklung neuer Dienste, von Dienstleistungen meistens im mobilen Umfeld. Insofern hat er einen sehr speziellen Blick darauf, was es bedeutet, Suchmaschinen auch in diesem Umfeld einzusetzen. Ich denke, er wird darauf auch Bezug nehmen. Er wird selber noch etwas zu den Folien sagen. Bitte, Herr Gerstheimer.

Vortrag Herr Gerstheimer

Herr Holtel:
Vielen Dank für diesen Ansatz, Herr Gerstheimer. Ich habe versucht zu zählen, wie viele Disziplinen in diesem Vortrag auftauchten, von Philosophie über Soziologie und Design und habe es irgendwann aufgegeben. Wir haben jetzt drei relativ unterschiedliche Zugänge zu dieser Fragestellung der Benutzer und die Suchmaschinen bekommen. Ich möchte drei Fragen zulassen zu den Referenten, die bisher da waren. Bitte sehr.

NN:
Ich habe eine Frage zur Mustererkennung. Gibt es gute Muster? Gibt es schlechte Muster? Sie haben in etwa angedeutet, dass man bei zu viel Flimmern, Text oder was auch immer, sofort abschaltet. Sind das jetzt Muster, die sozusagen alle User gleich haben oder gibt es auch welche mit sehr großen Toleranzen, die viel Text genau suchen, weil sie Information suchen oder die Werbung gerne mögen? Gibt es einmal gute, schlechte Muster? Und wie unterscheiden sich die Usergruppen in der Akzeptanz von guten und schlechten?

Herr Gerstheimer:
Das ist ein wirkliches Designproblem, damit auch ein bösartiges, weil natürlich die visuelle Ästhetik an vielen Stellen ausschlaggebend ist, parallel mit der Achse der technischen Affinität. Wenn jemand zum allerersten Mal im Internet ist, ist er relativ unvoreingenommen und noch nicht verdorben. Später baut sich ein sehr eigenes Mustersystem, nach was man sucht. Das kann man wiederum in Gengres, in Alterklassen und auch wieder in Designkategorien ausdrücken, also wer eine trendy Website hat. Ein Beispiel bringt das auf den Punkt. Als die Computer auf den Markt kamen, hat jeder gemeint, er ist ein Designer und hat es auf einer Seite glatt geschafft, 18 verschiedene Schriftarten mit drei Größen und verschiedenen Schnitten anzuwenden. Da sind wir alle jetzt schon herausgewachsen, dass wir das tun. Eine gut gestaltete Seite hat maximal zwei Schnitte und maximal drei Schriften oder umgekehrt. Auf solche visuellen Muster wie auch Längenabschnitte und Stationierungen, farbliche Gestaltung. Designauswahl ist ein großer , und ein weiterer die persönliche Suche in seinem Kontext zu einem Modus. Wenn er sich jetzt nur berieseln lassen will, läuft auch bei ihm eine andere Mündigkeit ab. Dann ist er schmerzfreier als wenn er jetzt ganz gezielt unter Zeitdruck etwas sucht. Dann treten die Muster exakter zutage, weil er an der Stelle viel schneller selektiert. Das sind zum Teil Sekundenmuster, die Datei geht auf und wird sofort zugemacht. Das fängt mit der Domain an und endet quasi im Design.

Herr Holtel:
Herr Eberspächer hat eine Frage.

Prof. Eberspächer, TU München:
Ich habe eine Frage an Herrn Gerstheimer, aber auch an Herrn Marwitz. Sie haben dieses “Lost in Cyperspace“ schön geschildert, was uns allen ja immer wieder passiert. Auf der anderen Seite, schon in Zeiten des Konversationslexikons – ich erinnere mich da auch an meine Kindheit – war nichts schöner als in einem natürlich guten Lexikon sich zu verlieren und dabei viele Dinge zu lernen, die man sonst gar nicht gesehen hätte. Wie sehen Sie das in dem Umfeld? Mir geht es auch beim Surfen manchmal so, obwohl man natürlich die Zeit nicht hat, sich fallen zu lassen. Aber das muss doch auch eine Rolle spielen bei dem Ganzen.

Herr Marwitz:
So oft würde ich ein Lexikon nicht zurate ziehen wie ich Suchmaschinen benutze. Mir ist inzwischen die Freude abhanden gekommen, die vorhanden ist, wenn ich in ein Lexikon schaue und mich darin verliere. Ich sehe das heute anders. Ich habe ein bestimmtes, durch meine Persönlichkeit geprägtes Suchmuster und gehe nach diesem Suchmuster jetzt in ein Medium, das von vornherein auch aufgrund der verwalteten Masse verspricht, mir Antworten zu geben. Ich möchte jetzt aber nicht alle Möglichkeiten durchsuchen, durchforsten, die es eventuell zu diesem Thema noch gibt, sondern ich möchte gern damit arbeiten. Ich möchte also schnell zu einem Ergebnis kommen. Ich hatte das auch vorhin schon erwähnt. Ich möchte nicht erschlagen werden vom zwölfbändigen Lexikon, sondern es soll mir gesagt werden: Greife zum Band 3 und dort findest du im ersten Drittel etwas. Das ist schon eine Eingrenzung. Aber dann möchte ich es noch genauer wissen und möchte aber nicht die dort im ersten Drittel vorhandenen 400 Seiten, je nach Lexikon, noch einmal durchsuchen müssen.
Ich gehe jetzt von meiner Mustererkennung aus. Ich hatte das vorhin auch geschildert. Es gibt keine guten und schlechten Muster, sondern es gibt nur zusammenpassende Muster. Für mich ist ein schlechtes Muster eines, das nicht zu meinen passt.

Herr Gerstheimer:
Vielleicht nur ganz kurz: Ja, ich habe es jetzt nicht stark beleuchtet. Wichtig sind Bewusstsein und Alter desjenigen und die Erfahrung, die er hat. Wenn ich sehe, wie man früher aus fünf Büchern eine gute Publikation gemacht hat und ich heute mit dem ganzen Internet im Kreuz von Studenten grottenschlechte Patchworkgeschichten bekomme. Das finde ich grausam und genau an der Stelle sage ich, es gibt im Design den schönen Begriff, der früher vom Reisen kam: den Blick schweifen zu lassen. Das ist medienunabhängig. Ob man ihn auf einer Reise durch das Gebirge schweifen lässt oder über Büchervorlagenmaterial. Verschiedene Kreativitätsforscher empfehlen jede Woche eine Zeitung, die man nie als eigene Zielgruppe kaufen würde, zu lesen. Ich habe mir jetzt einmal eine Jagdzeitung gekauft, auch sehr spannend. Man glaubt nicht, was es für Zielgruppen gibt. Für den Begriff, den Blickschweifen zu lassen, dient meiner Meinung nach das Internet als wunderbare Quelle. Aber dann auch genau unter diesem Grund.

Herr Holtel:
Eine letzte Frage bitte.

Eva Barg, Siemens AG:
Herr Marwitz, meine Frage an Sie ist folgende: Sie hatten vorhin die These, dass die Art und Weise wie jemand lernt, also mehr auditiv geprägt, visuell geprägt oder kinestetisch auch die Erwartung prägt, was er für Suchergebnisse haben möchte. Liegen Ihnen empirische Daten darüber vor, wie sich das in einer Bevölkerung verteilt? Gibt es kulturelle Abhängigkeiten, alt-jung, Männlein-Weiblein, Amerikaner anders als Menschen in Neuseeland? Unter Marketingaspekten sind diese Lerntypen und damit auch die Erwartungshaltung an die Suchergebnisse natürlich sehr wichtig.

Herr Marwitz:
Ja, es gibt Ergebnisse, es gibt sehr historische von Frederick Vester, der u. a. in seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ darauf Bezug nimmt. Das ist auch die Quelle von verschiedenen Lehrplanänderungen gewesen; man hat dann versucht, Lernstoffe visuell, auditiv und kinästetisch zu gestalten. In der neueren Zeit findet man sehr viel in der Literatur zum Thema NLP, Neuro-Linguistisches-Programmieren, und zwar ganz ausgeprägt. Dazu gibt es so viele Bücher, dass ich jetzt kein einzelnes herausgreifen mag – vielleicht ein eigenes. Inwieweit das interkulturell ein Phänomen darstellt: Jein. Wenn wir uns jetzt einmal unseren Kulturkreis anschauen, sagt man, ja, dort kann man es finden. Wenn wir aber weiter östlich gehen, stellt man eine Verschiebung der Sinnes-Präferenzen in Richtung kinästetisch, olfaktorisch und gustatorisch fest, während wir in unserem westlichen Kulturkreis eine Verstärkung des visuell-auditiven Bereichs beobachten, und vor allen Dingen eine Verstärkung des kognitiven Bereichs, der zwar nicht direkt einen Sinn anspricht, aber die visuelle Mustererkennung unterstreicht.

Herr Holtel:
Ich möchte dieses Panel mit einer Frage an das Publikum abschließen. Sie haben gemerkt, dass es etwas ungewöhnliche Vorträge waren. Wer hat in diesen drei Vorträgen nichts Neues gelernt? Zwei, also 209 konnten offensichtlich irgendetwas daraus nehmen. Da sehen Sie wieder die Analogie zur Suchmaschine, wenn Sie es richtig aufbereitet bekommen, ist immer etwas dabei, was Sie gebrauchen können, aber Sie haben es möglicherweise gar nicht erwartet. Mit diesen Worten möchte ich Sie in die Kaffeepause entlassen.

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